Evidenzbasierte Praxis bezeichnet ein Vorgehen, das drei Informationsquellen zusammenführt: die verfügbare Forschungsliteratur, die fachliche Erfahrung der Therapeutin oder des Therapeuten und die Anliegen und Lebensumstände der behandelten Person. Der Ansatz stammt aus der evidenzbasierten Medizin und wurde im englischen Sprachraum als evidence-based practice für die Gesundheitsfachberufe übernommen.
Die drei Quellen stehen nebeneinander und werden gegeneinander abgewogen. Eine Studie kann methodisch sorgfältig angelegt sein und dennoch an den Lebensumständen einer Person vorbeigehen; umgekehrt ersetzt langjährige Routine keine Auseinandersetzung mit der Fachliteratur. Evidenzbasierte Praxis ist deshalb kein Regelwerk, sondern eine Arbeitsweise, die eine Entscheidung im Einzelfall begründbar macht.
Die fünf Arbeitsschritte
- eine beantwortbare Frage aus dem Fall bilden, häufig nach dem PICO-Schema mit Population, Intervention, Vergleich und Ergebnismaß
- in Fachdatenbanken und Leitliniensammlungen nach Literatur suchen
- die Treffer methodisch bewerten, etwa auf Studiendesign, Stichprobe und Endpunkte
- die Ergebnisse mit der eigenen Erfahrung und den Anliegen der behandelten Person abwägen und in die Behandlungsplanung übersetzen
- das eigene Vorgehen überprüfen und dokumentieren
Evidenzgrade und ihre Grenzen
Studien werden nach ihrem Design in Stufen geordnet, von systematischen Übersichtsarbeiten und randomisierten kontrollierten Studien über Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien bis zu Expertenmeinungen. Ein hoher Evidenzgrad beschreibt die methodische Absicherung einer Untersuchung, nicht die Eignung eines Verfahrens im Einzelfall. Umgekehrt sagt fehlende Literatur zu einem Verfahren nichts über dessen Eignung aus. Welche Maßnahme zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht wird, bestimmen ohnehin die ärztliche Verordnung und der Heilmittelkatalog, nicht die Studienlage allein.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
In den Studiengängen der Ergotherapie ist wissenschaftliches Arbeiten fester Bestandteil: Literaturrecherche, Methodenlehre, kritische Bewertung von Studien und eine Abschlussarbeit gehören zum Programm. An Berufsfachschulen begegnet der Ansatz Auszubildenden vor allem in der Fallarbeit, wenn eine Maßnahmenauswahl fachlich begründet werden soll; die Argumentationskette überschneidet sich dabei mit dem Clinical Reasoning. Im Berufsalltag zeigt sich evidenzbasierte Praxis in kleinen Schritten: Fachzeitschriften lesen, Leitlinien sichten, Fallbesprechungen im Team, Fortbildungen. Zugang zur Fachliteratur bieten Hochschulbibliotheken und Berufsverbände.
Die Hürden sind bekannt: Ein großer Teil der Fachliteratur erscheint auf Englisch, der Zugang zu Volltexten ist außerhalb von Hochschulen begrenzt, und im Praxisalltag fehlt häufig die Zeit für eine gründliche Recherche. Verbreitet ist deshalb ein arbeitsteiliges Vorgehen, bei dem eine Person im Team ein Thema aufbereitet und die Ergebnisse in einer Fallbesprechung vorstellt. Übersichtsarbeiten und Fachartikel, die die Studienlage bereits zusammenfassen, sind der übliche Einstieg.