Clinical Reasoning beschreibt, was zwischen Befund und Maßnahme geschieht: das Ordnen von Informationen, das Bilden und Verwerfen von Hypothesen, das Abwägen von Handlungsmöglichkeiten und das Begründen einer Entscheidung. Der Begriff stammt aus dem englischsprachigen Raum und wird in der deutschsprachigen Ergotherapie meist unübersetzt verwendet. Gegenstand ist der Denkprozess selbst, nicht ein einzelnes Verfahren. Die verschiedenen Formen laufen im Alltag nebeneinander und greifen ineinander; sie werden getrennt beschrieben, um sie besprechbar und lernbar zu machen.
Formen des Clinical Reasoning
- Prozedurales Reasoning: Zuordnung von Schädigung, Betätigungsproblematik und fachlich in Betracht kommenden Maßnahmen
- Narratives Reasoning: die Lebensgeschichte und die Bedeutung, die eine Betätigung für diese Person hat
- Interaktives Reasoning: die Gestaltung der Beziehung im gemeinsamen Arbeiten
- Konditionales Reasoning: mögliche Entwicklungen der Situation und die Zukunftsbilder, die eine Behandlung trägt
- Pragmatisches Reasoning: die Rahmenbedingungen aus Verordnung, Zeit, Raum, Ausstattung und Vergütung
- Ethisches Reasoning: konkurrierende Werte und die Frage, wessen Ziele die Behandlung leiten
Fachliche Herkunft
Die Unterscheidung dieser Denkformen geht auf ergotherapeutische Forschung der 1980er- und 1990er-Jahre zurück, besonders auf die Arbeiten von Cheryl Mattingly und Maureen Hayes Fleming zum therapeutischen Denken. Eine Rechtsgrundlage hat der Begriff nicht; er ist ein fachliches Konzept. Anschluss findet er an die evidenzbasierte Praxis, die externe Forschungsergebnisse, fachliche Erfahrung und die Sicht der behandelten Person zusammenführt, und an die Klientenzentrierung.
Bedeutung für Ausbildung und Praxis
Der theoretische Unterricht nach Anlage 1 der ErgThAPrV verbindet Fächer wie Krankheitslehre, Berufskunde und die ergotherapeutischen Verfahren; Clinical Reasoning ist die Klammer, die dieses Wissen im Fall zusammenführt. In der praktischen Ausbildung verlangt die Praxisanleitung, dass Auszubildende ihr Vorgehen begründen und nicht bei der Beschreibung stehen bleiben. In der staatlichen Prüfung und in Fallvorstellungen wird genau diese Begründungskette geprüft. Im Berufsalltag zeigt sich Clinical Reasoning in der Fallbesprechung, in der Auswahl eines Assessments und in der schriftlichen Begründung von Zielen und Maßnahmen in der Dokumentation.
Sichtbar wird der Denkprozess vor allem in der Sprache: in der Art, wie ein Befund zusammengefasst wird, wie ein Ziel formuliert ist und wie eine Änderung des Vorgehens erklärt wird. Deshalb arbeiten Schulen und Hochschulen mit Fallbeispielen, Lerntagebüchern und Reflexionsberichten. Auch der Umgang mit Unsicherheit gehört dazu: Hypothesen werden geprüft und wieder verworfen, wenn der Verlauf ihnen widerspricht. Wer diese Schritte offenlegt, macht die eigene Arbeit für das Team und für die behandelte Person nachvollziehbar.